Rudolf Kügler, Berliner Maler & Verwandlungskünstler - Der Mann der im Treibholz Bilder sah.

Der Malereiprofessor an der Hochschule für Bildende Künste Berlin (*27. September 1921, Berlin; † 8. Oktober 2013, Berlin-Frohnau) gehörte zu der ersten Generation der abstrakten Kunst in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg. Zeichnung, Malerei, Skulptur, Relief und Collage stehen in seinem Werk gleichberechtigt nebeneinander. Feine, oft erst aus der Nähe sichtbare Liniengeflechte treffen auf alltägliche Materialien, die in poetische Bildräume verwandelt werden.

Manchmal beginnt eine künstlerische Biografie in einer Werkstatt. Bei Rudolf Kügler war es die Tischlerei seines Vaters in Berlin: der Geruch von Holz, Spänen und Leim, das Gefühl für Material und Struktur. Vielleicht lag hier schon der Ursprung jener stillen Aufmerksamkeit, mit der Kügler später seine Bilder, Collagen und Skulpturen schuf.

Geboren 1921, in den Jahren der Gründung des Bauhauses, das nicht nur den Jugendstil überwinden helfen sollte, sondern ebenso ein Gegenentwurf zum deutschen Expressionismus war, wuchs Kügler in einer Stadt auf, die bald von den Stürmen des 20. Jahrhunderts erfasst wurde. 1950 übersiedelte er mit dem Pferdewagen doch das Brandenburger Tor von Ost- nach Westberlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg suchte eine junge Künstlergeneration nach neuen Formen und einer Sprache jenseits der zerstörten Gewissheiten. Kügler studierte zunächst an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee und später an der Hochschule für Bildende Künste, wo er Meisterschüler des Malers Max Kaus wurde.

Schon früh zeigte sich seine besondere Sensibilität für Farbe, Fläche und Material. Bereits 1956 wurde er Professor an der Hochschule für Bildende Künste Berlin – eine Position, in der er über Jahrzehnte hinweg Generationen von Studierenden prägte. Kügler lehrte zunächst Emailkunst, später freie Malerei.

Sein Atelier war kein Ort lauter Theorien, sondern ein Raum des Sehens und Experimentierens: des genauen Hinsehens und der Suche nach einer Balance zwischen Zufall und Form. Es gibt kaum eine Technik, die er nicht irgendwann ausprobiert hätte. Kügler arbeitete beinahe manisch; er war ständig am Zeichnen und Kritzeln. Besonders in seinen Papierarbeiten entstanden feine, spinnennetzartige Strukturen, die sich oft erst bei näherem Hinsehen offenbaren.

Die internationale Kunstwelt nahm ihn ebenfalls wahr. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und der Verfolgung der Moderne im Rahmen der Diffamierung als „Entartete Kunst“ erwachte in Deutschland erneut das Interesse an Künstlern, die an die Moderne anknüpften. Vor diesem Hintergrund ist es kein Zufall, dass Rudolf Kügler auf bedeutenden internationalen Ausstellungen vertreten war, wie der Biennale von São Paulo (1955) und der legendären documenta II (1959) in Kassel - die der abstrakten Kunst in Europa neue Aufmerksamkeit verschaffte. Doch trotz solcher Erfolge blieb sein Werk von einer eigentümlichen Bescheidenheit geprägt.

Die 1950er-Jahre waren für Rudolf Kügler eine Zeit intensiver Reisen. Er besuchte Paris, Spanien, Marokko, Ägypten, Norwegen und die Lofoten. Auf diesen Reisen arbeitete er künstlerisch äußerst produktiv: Er zeichnete das Straßenleben, hielt Stimmungen in Aquarellen fest und fotografierte.

Die Eindrücke dieser Jahre hallen auch in seinen späteren Arbeiten nach. Besonders Ägypten übte einen nachhaltigen Einfluss auf sein Werk aus. Dies zeigt sich vor allem in den Reliefs, die er in den 1970er-Jahren im Rahmen von Kunst-am-Bau-Projekten für öffentliche Gebäude schuf.

In den 1970er-Jahren fand Kügler auch einen zweiten künstlerischen Horizont: die Baleareninsel Ibiza. Dort, wo das Mittelmeer Licht und Schatten in scharfe Kontraste taucht, sammelte er Treibholz. Was andere achtlos liegen ließen, wurde für ihn zu Material der Kunst. Aus verwitterten Stücken Holz entstanden fragile Skulpturen und poetische Collagen – Landschaften aus Erinnerung und Form. So lebte Kügler zwischen zwei Welten: der Metropole Berlin und dem offenen Raum des Mittelmeers. Die eine gab ihm Struktur und intellektuellen Austausch, die andere Licht und Weite.

Als er 2013 in Berlin starb, hinterließ Rudolf Kügler ein Werk, das sich jeder schnellen Einordnung entzieht. In seinem selbst entworfenen Atelierhaus, heute unter Denkmalschutz, verschmilzt seine Kunst mit Stoffen, Objekten und Fundstücken von seinen Reisen – der Ort selbst wird zur Fortsetzung seiner Bilder, lebendig und voller Inspiration.

Das Netzwerk Ubiqua arbeitet eng mit dem Nachlass von Rudolf Kügler zusammen und hat es sich zur Aufgabe gemacht das Werk Küglers einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln.

Klaus Hartmann · KLS@UBIQUA.AI

Rudolf Kügler, The Garden of the Caliph, 1952, Etching and aquatint, 49.2 x 67.6cm, Collection MOMA

Rudolf Kügler, 1956, Öl auf Leinwand

Rudolf Kügler, 1970, Öl auf Leinwand

Rudolf Kügler, Emaille Schalen und Schmuck, Anfang 50iger Jahre

Rudolf Kügler, Emaille Schale, Anfang 50iger Jahre

Rudolf Kügler, Reliefornamente, Nahariyastr 15, Berlin-Lichtenrade